Finance als aktiver Gestalter statt reiner Reporting-Funktion – in dieser Folge von Finance & Data zeigt Dr. Oliver Friedrich, wie sich die CFO-Rolle in einem digitalen B2B-SaaS-Umfeld verändert. Im Fokus stehen die Vereinheitlichung von Prozessen und Systemen über mehrere Brands hinweg, KPI-basierte Steuerung, engeres Business Partnering sowie der gezielte Einsatz von Automatisierung und KI in Accounting, Forecasting und Entscheidungsprozessen. Die Episode macht deutlich, wie moderne Finanzfunktionen durch bessere Daten, integrierte Strukturen und technologische Offenheit zum Treiber von Wachstum, Profitabilität und Transformation werden.
Dr. Oliver Friedrich ist CFO und Managing Director innerhalb der Entirely-Gruppe und verantwortet mehrere B2B-SaaS-Unternehmen im Marketing-Tech-Umfeld. Mit seiner Erfahrung an der Schnittstelle von Finance, Technologie und Wachstum steht er für eine Finanzfunktion, die nicht nur Zahlen liefert, sondern aktiv an Strategie, Transformation und operativer Steuerung mitwirkt.
Julian Molitor: Herr Dr. Friedrich, Sie verantworten als CFO mehrere SaaS-Brands innerhalb der Entirely-Gruppe. Wie würden Sie Ihre Rolle in diesem Kontext beschreiben?
Dr. Oliver Friedrich: Wir sind ein Ökosystem aus mehreren B2B-SaaS-Unternehmen im Marketing-Tech-Bereich, die unterschiedliche Anwendungsfelder abdecken – von Customer Engagement über Product Information Management bis hin zu E-Commerce-Optimierung. In meiner Rolle verantworte ich die Finanzfunktion für mehrere dieser Einheiten.
Die Herausforderung liegt dabei weniger in der klassischen Finanzsteuerung, sondern vielmehr darin, Strukturen, Prozesse und Systeme übergreifend weiterzuentwickeln. Viele der Unternehmen haben eine lange Historie, entsprechend existieren gewachsene Systeme und Prozesse. Unsere Aufgabe ist es, diese zu modernisieren, zu vereinheitlichen und stärker zu digitalisieren – von Reporting bis Buchhaltung.Im Kern geht es für mich darum, Finance so aufzustellen, dass wir das Business dabei unterstützen, bessere Entscheidungen zu treffen – und zwar schneller, datenbasierter und mit klaren Prioritäten.
Julian Molitor: Wie verändert sich die Rolle des CFO in einem solchen digitalen, wachstumsorientierten Umfeld?
Dr. Oliver Friedrich: Die klassische Rolle, in der Finance einmal im Monat ein Reporting präsentiert und vielleicht noch einen Ausblick gibt, ist aus meiner Sicht nicht mehr ausreichend.Heute geht es darum, konkret zu verstehen, was hinter den Zahlen steckt: Was läuft nicht? Warum läuft es nicht? Und vor allem – was müssen wir jetzt tun? Genauso im positiven Fall: Was funktioniert gut und welche Faktoren treiben diesen Erfolg?
Finance wird damit deutlich stärker zum strategischen Sparringspartner und Mitgestalter. Es reicht nicht mehr, auf Probleme hinzuweisen. Die Aufgabe ist es, Lösungen mitzuentwickeln und aktiv zur Steuerung des Unternehmens beizutragen.
Julian Molitor: Sie haben das Thema Digitalisierung und Technologie angesprochen. Wie stark ist Finance heute auch eine Tech- oder IT-Funktion?
Dr. Oliver Friedrich: Ein Stück weit sehr stark. Die Auseinandersetzung mit Technologie ist längst kein optionales Thema mehr, sondern zentraler Bestandteil der Rolle.Das betrifft sowohl das Verständnis dafür, welche Technologien heute verfügbar sind, als auch die Fähigkeit, diese sinnvoll im eigenen Unternehmen einzusetzen. Dabei geht es nicht nur um Tools, sondern auch um Architekturfragen, Datenmodelle und Prozessdesign.
Gleichzeitig verändert sich dadurch auch das Anforderungsprofil im Team. Klassische Buchhaltungs- oder Controlling-Kompetenzen bleiben wichtig, aber sie müssen ergänzt werden durch Fähigkeiten in den Bereichen Datenanalyse, Prozessoptimierung und teilweise auch Data Engineering. Entscheidend ist, diese unterschiedlichen Kompetenzen zusammenzubringen.
Julian Molitor: Welche Rolle spielt dabei aktuell das Thema Künstliche Intelligenz?
Dr. Oliver Friedrich: KI hat das Potenzial, viele bestehende Prozesse weiterzuentwickeln – sowohl im Accounting als auch im Controlling und in der Planung.
Ein klassisches Beispiel ist die Rechnungsverarbeitung. Hier gab es schon lange Automatisierungslösungen, aber durch KI wird es zunehmend möglich, solche Prozesse sehr individuell und flexibel abzubilden – teilweise sogar ohne spezialisierte Drittanbieter-Tools.
Gleichzeitig sehen wir großes Potenzial im Bereich Financial Planning & Analysis. KI kann dabei helfen, Muster schneller zu erkennen, Analysen zu vertiefen und Szenarien effizienter zu modellieren.Aktuell ist das bei uns noch nicht flächendeckend in allen Standardprozessen integriert. Vieles passiert noch in Analyse- und Sparring-Kontexten. Aber ich bin überzeugt, dass KI zunehmend in das Tagesgeschäft einziehen wird und dort Geschwindigkeit und Qualität deutlich erhöht.
Julian Molitor: Bedeutet das auch, dass Unternehmen künftig mehr selbst bauen statt Standardsoftware einzusetzen?
Dr. Oliver Friedrich: Teilweise, ja. Gerade bei spezifischen Anwendungsfällen sehen wir, dass sich Lösungen heute sehr schnell intern entwickeln lassen – etwa Pricing-Logiken oder Analyse-Tools, die früher über externe Software abgedeckt wurden.
Auf der anderen Seite gibt es weiterhin gute Gründe, auf etablierte Plattformlösungen zu setzen, insbesondere bei komplexen, integrierten Prozessen wie im Rechnungswesen oder im Spend Management. Dort spielen Themen wie Skalierbarkeit, Integration, Governance und Datensicherheit eine große Rolle.Ich glaube, die Zukunft liegt in einer Kombination: Standardlösungen für stabile Kernprozesse und individuelle Lösungen für spezifische, geschäftsnahe Anwendungsfälle.
Julian Molitor: Ein zentrales Thema ist auch die KPI-basierte Steuerung. Wie stellen Sie sicher, dass KPIs tatsächlich im operativen Alltag wirken?
Dr. Oliver Friedrich: Die zentrale Herausforderung ist, KPIs so zu definieren und herunterzubrechen, dass sie für die jeweiligen Teams relevant und steuerungswirksam sind.
Auf oberster Ebene betrachten wir klassische Größen wie Umsatz, Profitabilität und Cash. Diese müssen dann aber weiter heruntergebrochen werden – etwa auf wiederkehrende Umsätze, Neukundenentwicklung oder Bestandskundenwachstum im SaaS-Kontext.Entscheidend ist, dass Finance hier nicht nur Zahlen liefert, sondern auch den Austausch moderiert. Es geht darum, gemeinsam mit den Fachbereichen zu verstehen, was hinter den KPIs steckt, und daraus konkrete Maßnahmen abzuleiten. Finance übernimmt dabei zunehmend eine koordinierende und verbindende Rolle zwischen den Bereichen.
Julian Molitor: Wie gelingt die Integration von Finance mit Bereichen wie Sales oder Marketing – gerade im SaaS-Kontext?
Dr. Oliver Friedrich: Das ist ein zentrales Thema, insbesondere wenn man mehrere Unternehmen oder Systeme zusammenführen möchte.
Wir arbeiten aktuell stark daran, Prozesse, Datenstrukturen und Systeme zu vereinheitlichen – etwa im CRM, im Reporting oder in der Finanzbuchhaltung. Nur so entsteht eine konsistente Datenbasis für Forecasting und Steuerung.
Gleichzeitig hängt der Erfolg stark davon ab, wie gut Daten im operativen Geschäft gepflegt werden. Das beste System bringt wenig, wenn die zugrunde liegenden Daten nicht konsistent und sauber sind.Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe von Finance, zu erklären, warum diese Datendisziplin notwendig ist – nicht als Selbstzweck, sondern weil sie bessere Entscheidungen im gesamten Unternehmen ermöglicht.
Julian Molitor: Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen – was sind die zentralen Entwicklungen für die nächsten Jahre?
Dr. Oliver Friedrich: Die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung wird hoch bleiben, und KI wird sich weiter in den Alltag integrieren. Gleichzeitig werden regulatorische Anforderungen und der Anspruch an Genauigkeit weiterhin hoch bleiben – insbesondere im Finanzbereich.
Ich glaube daher weniger an eine vollständige Disruption im Sinne eines radikalen Umbruchs, sondern eher an eine schrittweise, aber tiefgreifende Integration neuer Technologien in bestehende Prozesse.Für CFOs bedeutet das vor allem, sich aktiv mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen, sie im Unternehmen zu verankern und gleichzeitig sicherzustellen, dass Qualität und Verlässlichkeit gewahrt bleiben.
Julian Molitor: Welchen konkreten Rat würden Sie anderen CFOs mitgeben?
Dr. Oliver Friedrich: Zum einen: sich intensiv mit den technologischen Möglichkeiten auseinandersetzen und diese aktiv ausprobieren – nicht nur selbst, sondern auch im Team.Zum anderen: einen klaren Rahmen schaffen, in dem Mitarbeitende experimentieren können. Das heißt, Leitlinien definieren, Sicherheit geben und gleichzeitig die Erwartung setzen, dass neue Technologien aktiv genutzt und weitergedacht werden.
Und schließlich: der Austausch mit anderen. Viele Entwicklungen wirken auf den ersten Blick sehr disruptiv, relativieren sich aber im Gespräch mit anderen Unternehmen – oder werden gerade dadurch erst als echte Handlungsfelder sichtbar.
Diese Balance zwischen Verständnis, Pragmatismus und Offenheit für Neues ist aus meiner Sicht entscheidend für die nächsten Jahre.







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