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Celonis

KI in Unternehmen benötigt Prozesskontext – mit Dr. Lars Reinkemeyer (Celonis)

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Dr. Lars Reinkemeyer
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Lars Reinkemeyer, Chief Evangelist bei Celonis, erklärt in dieser Episode, wie sich Process Mining in den vergangenen Jahren zur echten Process Intelligence entwickelt hat – und was das konkret bedeutet, wenn KI nicht mehr nur Prozesse analysiert, sondern sie autonom steuert. Aus seiner Zeit als Head of Global Process Mining bei Siemens berichtet er, warum Transparenz alleine keine Transformation auslöst, warum die meisten KI-Projekte mangels Unternehmenskontext scheitern – und wie das Process Context Model von Celonis diese Lücke schließt.

Lars Reinkemeyer ist Chief Evangelist bei Celonis und eine der profiliertesten Stimmen zum Thema Process Intelligence. Über 13 Jahre war er bei Siemens tätig, fünf davon als Head of Global Process Mining, wo er mit seinem Team mehr als 500 Kernprozesse in mehr als 170 Ländern und 60 SAP-Systemen mit Celonis durchleuchtete und transformierte. Seit 2021 treibt er bei Celonis die Weiterentwicklung von reinem Process Mining hin zu echter Process Intelligence voran – ein Weg, den er mit zwei Büchern auch publizistisch begleitet hat. Im Gespräch mit Julian Molitor erklärt er, warum Technologie alleine keine Transformation auslöst, warum die meisten KI-Projekte in Unternehmen scheitern – und was es wirklich braucht, damit aus Prozesstransparenz echter Mehrwert entsteht.

Julian Molitor: Das Röntgenbild ist seit Jahren die klassische Metapher für Process Mining. Stimmt das Bild noch – oder hat es sich verändert?

Lars Reinkemeyer: Das Röntgenbild begleitet uns schon eine ganze Zeit, weil es eine schöne Analogie ist. Röntgen und MRT entstanden als digitale Bilder des menschlichen Körpers – um darauf aufbauend Therapien zu identifizieren. Diese Analogie hat sich weiterentwickelt: Im ersten Schritt erstellt die Technologie ein Bild. Im zweiten Schritt erkennt die KI den Schatten auf der Lunge und empfiehlt die Therapie. Im dritten Schritt führt sie die Therapie auch selbst durch. Genau diese drei Stufen durchläuft Process Mining gerade: vom digitalen Zwilling der Prozesse über intelligente Empfehlungen bis hin zu autonomer Ausführung. Bei Siemens hatten wir zum Beispiel 30 Millionen Bestellpositionen pro Jahr, verteilt über 170 Länder und 60 SAP-Systeme – mit bis zu einer Million Prozessvarianten. Process Mining hat uns geholfen zu verstehen, was vom Kundenauftrag bis zur Kasse wirklich passiert: wo Doppelzahlungen entstehen, wo Liefertermine fünfmal geändert werden, wo manuelle Eingriffe die Kosten treiben.

Julian Molitor: Celonis macht das seit 15 Jahren. Was unterscheidet die kontinuierliche Prozessanalyse von klassischen, einmaligen Prozesserhebungen?

Lars Reinkemeyer: Genau da liegt der entscheidende Unterschied. Eine klassische Prozesserhebung ist ein Bild – und dieses Bild ist schnell veraltet. Was wir anbieten, ist ein kontinuierlicher digitaler Zwilling der tatsächlichen Prozessabläufe. Technisch greifen wir auf Transaktionssysteme wie SAP, Oracle, Salesforce oder ServiceNow zu und visualisieren die digitalen Spuren dieser Systeme als Prozessablauf. Ich sehe also permanent, wie meine Prozesse wirklich laufen – nicht als Stichprobe, sondern vollständig. Das Schöne ist: Ich habe damit die Basis für alles Weitere. Aber allein das Röntgenbild reicht nicht. Die entscheidende Frage ist immer: So what? Was mache ich jetzt damit? Wie generiere ich daraus echten Wert für mein Unternehmen?

Julian Molitor: Wie viele solcher Transformationsprojekte scheitern letztlich in der Umsetzung?

Lars Reinkemeyer: Ich muss ehrlich sagen: Ich habe meine ersten zwei Jahre bei Siemens mit Process Mining verschwendet. Ich war euphorisch, habe meinen Kollegen aus Einkauf, Logistik und Vertrieb wunderschöne Bilder gezeigt – du hast hier zehn Schleifen, dort sechs Lieferterminänderungen, hier enorme Verzögerungen. Und alle sagten: Wow, beeindruckend, großartig. Und dann ist nichts passiert. Was ich daraus gelernt habe: Man muss das Pferd anders aufzäumen. Es geht nicht um Technologie, es geht nicht um Transparenz. Man muss zuerst fragen: Willst du als Prozessverantwortlicher wirklich etwas transformieren? Nicht jeder will das. Es gibt viele Menschen in Unternehmen, die ihre Bestellungen seit 20 Jahren im gleichen Excel-Sheet machen und sich dabei wohlfühlen. Da ist es schwierig, Begeisterung zu entfachen.

Heute beginnen wir jedes Gespräch mit der Frage: Was willst du erreichen? Glaubst du, dass wir gemeinsam eine Million Euro Wert realisieren können, indem wir Doppelzahlungen, Skontoverluste und manuelle Aktivitäten reduzieren? Wenn wir das Gefühl haben, da ist echter Veränderungswille auf Seiten der Prozessverantwortlichen, dann lohnt sich das Röntgenbild. Vorher nicht. Ich sage es immer so: Du musst erst mit dem Patienten sprechen. Hat er Schmerzen? Ist er bereit, eine Therapie zu durchlaufen? Wenn er sagt, ich habe Spaß in meinem Leben, warum soll ich aufhören zu rauchen – dann bringt das beste Röntgenbild nichts.

Julian Molitor: KI ist seit Jahren das dominante Thema. Was ist Ihre Einschätzung – warum scheitern so viele KI-Projekte?

Lars Reinkemeyer: Das trifft den Kern. Eine KI ist unglaublich schlau, wenn sie auf die Datenschätze des Internets zugreifen kann – wir alle erleben täglich, was ChatGPT, Claude oder Perplexity leisten. Und unglaublich dumm, wenn sie nicht auf die Unternehmensdaten zugreifen kann. Genau daran scheitern die meisten KI-Projekte in Unternehmen: Die KI hat nicht ausreichend Unternehmensdatenpunkte. Du kannst ihr Zugriff auf dein SAP- oder Salesforce-System geben – dann kann sie durchaus gutes Reporting erstellen. Aber wenn du sie fragst, ob du morgen deinen Kunden beliefern kannst, muss sie den gesamten Kontext verstehen: die originäre Bestellung, den aktuellen Fertigungsstatus, die Lieferzeit des Transporteurs, den versprochenen Kundentermin. Diesen Zusammenhang, diese Abhängigkeiten – das ist es, was wir seit 15 Jahren mit unseren Kunden aufbauen. Wir nennen es jetzt das Process Context Model: Prozesszusammenhänge, Abhängigkeiten und Prozessabläufe so in die KI zu füttern, dass sie zuverlässige Aussagen treffen kann.

Julian Molitor: Wie verändert das alles die Rolle von Mitarbeitern?

Lars Reinkemeyer: Das ist die große Frage, die sich jeder stellt. Ich glaube, eine Tätigkeit, bei der jemand jeden Tag hundert Mal auf „Bestellung freigegeben" klickt – die hat keine große Zukunftsperspektive. Das ist eine normale Evolution. Die Chance liegt für die Menschen, die offen sind, KI zu verstehen und anzunehmen. Heute kann eine KI, wenn sie mit dem richtigen Kontext gefüttert wird, wie ein Praktikant mithelfen. Sie sagt: „Schau, da habe ich etwas Auffälliges gefunden – aber du weißt viel besser, ob das ein Problem ist." Irgendwann wird dieser Praktikant zum Kollegen – und übernimmt autonom Aufgaben unterhalb eines definierten Schwellwerts. In zehn Jahren, schätze ich, wird eine KI 98 Prozent aller Bestellungen und Kundenaufträge autonom abwickeln. Aber Sachbearbeiter werden trotzdem noch gebraucht – wegen ihres spezifischen Verständnisses, ihrer Lieferantenkenntnisse, ihrer Kundenbeziehungen. Was sich verändert: Sie werden von Bearbeitern zu Orchestratoren.

Julian Molitor: Was ist nach 30 Jahren in der IT Ihre wichtigste Erkenntnis?

Lars Reinkemeyer: Keine KI ohne Prozess-Intelligenz – und keine Prozess-Intelligenz ohne menschliche Intelligenz. Das ist mein Credo. Wir sagen: No AI without PI, without HI. Der menschliche Faktor spielt eine ganz entscheidende Rolle, auch wenn die KI immer leistungsfähiger wird. Was wir gerade erleben – jede Woche neue Entwicklungen, neue Potenziale – das ist das Spannendste, was ich in 30 Jahren IT gesehen habe. Aber der Mensch bleibt im Zentrum.

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